Training & Bewegung · Ambitioniertes Training & Leistung · Mehr Leistung aus der Dose? · Teil 6 von 6
Wirkung und Gesundheit gemeinsam beurteilen
Anabole Steroide und SARMs: Leistungswirkung, gesundheitliche Risiken und Hilfe
Schnellere Kraftzuwächse und mehr Muskelmasse können verlockend sein. Bei anabolen Steroiden ist die Leistungswirkung tatsächlich belegt – damit ist die Frage nach Sicherheit aber noch nicht beantwortet. Bei als SARMs verkauften Produkten kommt häufig unklarer Inhalt hinzu. Der Beitrag erklärt die Unterschiede, die wichtigsten Risiken und Wege zu fachlicher Unterstützung.
Zuletzt fachlich aktualisiert: Oktober 2026
Anabole Steroide, SARMs und eine Hormontherapie unterscheiden
Anabol-androgene Steroide (AAS) sind Testosteron und verwandte Substanzen. „Anabol“ beschreibt aufbauende Wirkungen auf Gewebe, „androgen“ Wirkungen auf männliche Geschlechtsmerkmale. Beide Aspekte lassen sich nicht einfach vollständig trennen. AAS werden teilweise medizinisch eingesetzt und zugleich zur nicht medizinischen Steigerung von Muskelmasse oder Leistung verwendet. [2]
SARMs bedeutet selektive Androgenrezeptor-Modulatoren. Diese Wirkstoffe beeinflussen den Androgenrezeptor, eine Andockstelle für männliche Sexualhormone. Sie wurden mit dem Ziel entwickelt, bestimmte Gewebe gezielter anzusprechen. „Selektiv“ bedeutet aber nicht, dass Wirkungen auf Hormonsystem oder andere Organe ausgeschlossen sind. [5]
| Situation | Aufgabe und Rahmen | Was daraus nicht folgt |
|---|---|---|
| Ärztlich begründete Testosterontherapie | Behandlung eines diagnostizierten Mangels mit individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und Kontrollen. [9] | Keine allgemeine Empfehlung zur Leistungssteigerung und keine Therapie ohne mögliche Nebenwirkungen. |
| Nicht medizinischer AAS-Gebrauch | Steigerung von Muskelmasse oder Leistung über die individuelle Ausgangslage hinaus. | Kontrollierte Blutwerte beweisen keine umfassende Sicherheit. |
| Als SARMs verkaufte Internetprodukte | Pharmakologisch wirksame Substanzen beziehungsweise Produkte mit teilweise unklarem Inhalt. [5, 6] | Ein Forschungslabel ist kein Nachweis geprüfter Eignung zur Einnahme. |
Anabole Steroide sind außerdem nicht dasselbe wie Kortikosteroide, beispielsweise bestimmte entzündungshemmende Medikamente. Verordnete Behandlungen sollten nicht wegen einer allgemeinen Warnung vor „Steroiden“ eigenständig verändert werden. [3]
Die Leistungswirkung ist real – und beantwortet die Sicherheitsfrage nicht
Es wäre fachlich falsch, AAS als wirkungslos darzustellen. Eine randomisierte Studie an gesunden Männern zeigte bereits 1996, dass Testosteron in Mengen oberhalb des normalen physiologischen Bereichs zusammen mit Krafttraining Muskelgröße, fettfreie Masse und Kraft deutlich steigern kann. [1]
Die Untersuchung dauerte zehn Wochen und beantwortet keine Frage zur Sicherheit jahrelangen Gebrauchs. Fettfreie Masse umfasst zudem mehr als reines Muskelprotein. Ergebnisse aus kontrollierten Bedingungen lassen sich nicht als persönliche Zuwachsgarantie für beliebige Internetprodukte verwenden.
Bei SARMs hängt eine mögliche Wirkung vom konkreten Wirkstoff ab. Forschung an einem definierten Präparat unter medizinischer Aufsicht ist eine andere Situation als der selbst organisierte Gebrauch mehrerer Produkte. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA warnt vor als SARMs vermarkteten, nicht zugelassenen Arzneimitteln und Berichten über schwere Nebenwirkungen. Diese behördliche Aussage beschreibt die Situation in den USA; sie ist keine pauschale Auskunft zum deutschen Recht. [5]
Ein Sicherheitsversprechen braucht eigene Belege
Dass eine Substanz Muskelmasse erhöhen kann, beweist keine vertretbare Langzeitbilanz. Ein schneller Effekt, eine Tablettenform oder der Zusatz „neueste Generation“ ersetzen diese Prüfung nicht.
Warum mehr Androgen von außen die eigene Produktion bremsen kann
Vereinfachtes Modell für die männliche Hormonachse; keine Darstellung eines Einnahme- oder Absetzplans. [10]
Normaler Regelkreis
- Gehirn und Hirnanhangsdrüse senden Steuersignale.
- Die Hoden bilden Testosteron; die Signale unterstützen auch die Spermienbildung.
- Der Hormonspiegel meldet zurück, wie stark die Steuerung weiterarbeiten soll.
Zusätzliche Androgene von außen
- Die erhöhte Hormonwirkung verändert die Rückmeldung.
- Die körpereigenen Steuersignale können sinken.
- Eigene Testosteronproduktion und Spermienbildung können zurückgehen.
Ein hoher Blutwert während des Gebrauchs und eine gedrosselte Eigenproduktion können gleichzeitig bestehen. Die Erholung nach dem Ende des Gebrauchs verläuft individuell.
Nach dem Ende des Gebrauchs können vorübergehend oder länger anhaltend niedrige Hormonwerte, sexuelle Beschwerden und Fertilitätsprobleme auftreten. Fertilität bedeutet Fruchtbarkeit. Dauer, Vorgeschichte und verwendete Substanzen beeinflussen den Verlauf; eine feste Frist bis zur vollständigen Erholung lässt sich nicht garantieren. [10]
Wer sich vor einem Verlust von Kraft oder Körperform fürchtet, steht damit möglicherweise vor mehr als einer Trainingsfrage. Die medizinische Betreuung sollte diese Sorge mit aufnehmen. Der Beitrag über Muskeldysmorphie ergänzt die Perspektive, wenn das eigene Körperbild zunehmend den Alltag bestimmt.
Risiken betreffen mehrere Systeme zugleich
| Bereich | Mögliche Probleme | Was bei der Beurteilung zählt |
|---|---|---|
| Herz, Gefäße und Blut | Ungünstige Blutfette, erhöhter Blutdruck, erhöhte Zahl roter Blutkörperchen und Veränderungen am Herzmuskel. | Eine gute sportliche Leistung schließt eine gesundheitliche Belastung nicht aus. |
| Hormone und Fruchtbarkeit | Unterdrückte Eigenproduktion, verminderte Spermienbildung, sexuelle Beschwerden oder Brustdrüsenwachstum. | Auch ein aktueller oder späterer Kinderwunsch gehört ins ärztliche Gespräch. |
| Leber und Haut | Leberprobleme, besonders bei bestimmten oral wirksamen Steroiden; Akne und Haarausfall. | Die Risiken unterscheiden sich nach Substanz und Anwendung. |
| Psyche und Gebrauchsmuster | Stimmungsveränderungen, Reizbarkeit oder Abhängigkeit; beim Beenden können depressive Beschwerden auftreten. | Psychische Folgen sind medizinisch relevant und verdienen Unterstützung. |
| Frauen und Jugendliche | Bei Frauen unter anderem Stimmvertiefung und Zyklusstörungen; Jugendliche haben zusätzliche Entwicklungsrisiken. | Einige vermännlichende Veränderungen können bestehen bleiben. |
Eine dänische Kohortenstudie von 2025 verglich 1.189 männliche AAS-Anwender mit 59.450 Männern aus der Allgemeinbevölkerung. Über durchschnittlich elf Jahre wurden bei den Anwendern häufiger unter anderem Herzinfarkte, Rhythmusstörungen, Herzmuskelerkrankungen und Herzschwäche registriert. [4]
Das ist eine Beobachtungsstudie, keine zufällige Zuteilung zu Substanzen. Die Anwender waren in einem Anti-Doping-Programm aufgefallen; weitere Unterschiede zwischen den Gruppen bleiben möglich. Die Ergebnisse zeigen ein ernstzunehmendes Risikosignal, erlauben aber keine exakte Prognose für eine bestimmte Person oder einzelne Einnahmephase.
Bei SARMs berichtet die FDA unter anderem über Leberverletzungen, sexuelle Funktionsstörungen und Probleme der Fruchtbarkeit sowie schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse. Häufigkeit und Langzeitrisiken lassen sich wegen begrenzter Daten und unklarer Produkte nicht verlässlich beziffern. Fehlende genaue Zahlen sind kein Sicherheitsnachweis. [5]
Zusätzliche Infektionsrisiken entstehen bei gemeinsam benutzten Injektionsutensilien. [3] Selbst organisierte Kombinationen mehrerer Wirkstoffe erschweren außerdem die Zuordnung von Beschwerden. Ein unauffälliger Befund zu einem Zeitpunkt kann nicht sämtliche Folgen ausschließen.
Produktname und tatsächlicher Inhalt können auseinanderliegen
Eine chemische Untersuchung von 2017 analysierte 44 über das Internet als SARMs verkaufte Produkte. Nur 23 enthielten mindestens einen SARM. Bei zahlreichen Produkten stimmten Inhalt beziehungsweise Mengen nicht mit der Kennzeichnung überein. [6]
| Befund | Bedeutung |
|---|---|
| 23 von 44 Produkten enthielten einen SARM | Der beworbene Produkttyp war nicht zuverlässig enthalten. Das sagt noch nichts über Reinheit oder Sicherheit dieser 23 Produkte aus. |
| Unterschiede zwischen Analyse und Etikett | Die angenommene Exposition kann von der tatsächlichen abweichen. |
| Kleine historische Stichprobe | Kein aktueller Prozentwert für den gesamten Markt und keine Wahrscheinlichkeit für deinen konkreten Einkauf. |
Begriffe wie „Laborqualität“ oder „nur für Forschungszwecke“ lösen dieses Problem nicht. Ein Zertifikat muss zum konkreten Produkt und zur Charge gehören und nachvollziehbar sein. Selbst eine korrekte Identität würde eine nicht belegte sichere Anwendung nicht nachträglich belegen.
Das gilt auch für harmlose klingende „Booster“, die unerwartete pharmakologische Inhaltsstoffe enthalten können. Die Unterschiede zu gewöhnlichen Supplementen erklärt Teil 5 zu Fatburnern und Testosteron-Boostern.
Sportregeln und deutsches Recht getrennt prüfen
Die Verbotsliste 2026 der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) ordnet AAS und SARMs den anabolen Substanzen zu. Sie sind für Sportlerinnen und Sportler, auf die diese Regeln angewendet werden, jederzeit verboten – innerhalb und außerhalb von Wettkämpfen. Bei medizinisch notwendiger Behandlung können Regelungen zur medizinischen Ausnahmegenehmigung relevant werden. Die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland, kurz NADA, ist eine passende Anlaufstelle. [7]
Ein Sportregelverstoß und eine Straftat sind unterschiedliche Fragen. Das deutsche Anti-Doping-Gesetz verbietet unter bestimmten Voraussetzungen Herstellung, Handel, Abgabe und Anwendung bei anderen Menschen zum Doping im Sport. Auch Erwerb, Besitz und Verbringen bestimmter Stoffe in nicht geringer Menge zu diesem Zweck können strafbar sein. Stoff, Menge und Zweck sind dabei entscheidend. [8]
Ein Angebot im Internet oder Versand nach Deutschland bestätigt somit weder rechtliche Zulässigkeit noch Produktsicherheit. Bei konkreten Rechtsfragen ist die individuelle Einordnung nötig; für die Sportregeln wird die jeweils geltende Liste geprüft.
Wenn du bereits verwendest oder aufhören möchtest
Du kannst medizinische Hilfe suchen, ohne das Thema zuerst allein lösen zu müssen. Ein geeigneter Einstieg ist die Hausarztpraxis; je nach Situation folgen Endokrinologie, Urologie, Sportmedizin oder Suchtberatung. Wichtig sind ehrliche Angaben zu Produktnamen, ungefährem zeitlichen Verlauf, Begleitmitteln und Beschwerden.
Beim Beenden können unter anderem ausgeprägte Müdigkeit, Libidoverlust und depressive Symptome auftreten. Für sogenannte Post-Cycle-Therapien, also selbst organisierte Medikamentenfolgen nach einer Einnahmephase, besteht keine verlässlich belegte universelle Standardlösung. Eine ärztliche Planung richtet sich nach Beschwerden, Befunden und gegebenenfalls Kinderwunsch. [2, 3]
Für das erste Gespräch: Bringe Verpackungen oder Fotos der Produkte mit. Notiere, seit wann du sie verwendest, was du zusätzlich nimmst und welche Veränderungen dir aufgefallen sind. Besprich auch die Angst vor Leistungs- oder Körperverlust. Ärztliche Behandlung und Unterstützung bei einem problematischen Gebrauch können parallel sinnvoll sein.
Örtliche Beratungsstellen findest du im Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Es kann auch helfen, wenn du zunächst nur mit einer unabhängigen Fachperson sprechen möchtest.
Wann sofort Hilfe nötig ist
Bei Brustschmerz, starker Atemnot, Ohnmacht oder plötzlich auftretenden Lähmungen beziehungsweise Sprachstörungen: Notruf 112. Bei akuter Selbstgefährdung ebenfalls sofort Hilfe holen. Gelbsucht, dunkler Urin, ausgeprägte Stimmungseinbrüche oder anhaltende sexuelle Beschwerden brauchen zeitnahe medizinische Abklärung.
Eine echte Leistungswirkung macht eine Substanz nicht zu einer sicheren Trainingsstrategie. Wer Risiken erkennen, Beschwerden abklären oder den Gebrauch beenden möchte, braucht verlässliche Information und Unterstützung.
Ausgewählte Quellen
- Bhasin et al. (1996): The effects of supraphysiologic doses of testosterone on muscle size and strength in normal men.
- Anawalt (2019): Diagnosis and Management of Anabolic Androgenic Steroid Use.
- NHS (2026): Anabolic steroid misuse.
- Windfeld-Mathiasen et al. (2025): Cardiovascular Disease in Anabolic Androgenic Steroid Users.
- FDA: Warns of Use of Selective Androgen Receptor Modulators Among Teens, Young Adults.
- Van Wagoner et al. (2017): Chemical Composition and Labeling of Substances Marketed as SARMs and Sold via the Internet.
- NADA: Verbotsliste 2026 und Erläuterungen.
- Gesetze im Internet: Anti-Doping-Gesetz, insbesondere §§ 2 und 4.
- Endocrine Society (2018): Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism – guideline resources.
- Smit et al. (2021): Disruption and recovery of testicular function during and after androgen abuse – the HAARLEM study.
Quellen und verlinkte Regeln zuletzt geprüft: 5. Oktober 2026. Die verlinkten Ziffern im Text führen zur jeweiligen Quelle.
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine individuelle medizinische Beurteilung. Bei Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme oder bereits bestehendem Substanzgebrauch sind persönliche Beratung und gegebenenfalls Untersuchung wichtig.